Langsam ritt er die lange einsame Straße entlang. Hinter sich zog er ein Bündel her. Blut durchtränkte das Leinenbündel, und hinterließ eine sachte Spur hinter ihm. Schon lange hatte die Ware aufgehört sich zu bewegen. Sie waren bewußtlos geworden. Nein, sterben lassen wird er sie nicht, nicht jetzt so kurz vor dem Ziel. Morgen Früh schon wird er in der Stadt sein, und dann hat er für die nächsten Jahre ausgesorgt, und Kain, sein Blinder Bruder, würde einen Hund bekommen, der ihm das Auge sei.
Am Liebsten würde er gleich durchreiten, aber er konnte die Ware nicht einem so großen Risiko aussetzen. Zu wertvoll waren sie, zu zerbrechlich.
Also suchte er sich einen geeigneten Platz zum übernachten. Recht schnell fand er eine kleine Wiese die in den Wald hineinführte. Dort war er vor dem pfeifenden Wind geschützt. Das Bündel mit der Ware legte er weit weg vom Feuer. Umso kälter ihnen ist, umso weniger Kraft haben sie für einen Fluchtversuch. Dann, nachdem er sich nochmal davon überzeugte, das die Ware vor Erschöpfung schlief, ging er in den Wald um sich etwas für seinen knurrenden Magen zu besorgen. Heute war sein Glückstag, dachte er bei sich, denn schon wenige Minuten nachdem er in den Wald gegangen war, sah er ein Tier in wenigen schritten Entfernung vorbeihuschen. Die Sonne ging schneller unter, als er gedacht hatte, deshalb war es bereits so Dunkel, das er nicht mit Sicherheit sagen konnte, was sich da vor ihm zwischen den Bäumen bewegte. Ohne lange weiter darüber nachzudenken, legte er einen Pfeil in seinen Bogen, und schoß in die Dunkelheit.
Ein jämmerliches Heulen durchdrang den Wald, und er zuckte unwillkürlich zusammen. Das Heulen wich einem langsamer werdenden röcheln, und erstarb dann vollends. Langsam schlich er vorwärts, auf seine Beute zu. Entsetzen machte sich in ihm breit, als er erkannte, was er da geschossen hatte.
Vor ihm lag der leblose Körper einer ausgewachsenen Wolfin. Ihr Grauschimmerndes Fell reflektierte das Mondlicht, und ließ die ganze Szenerie geradezu gespenstisch erscheinen. Er wollte doch nur etwas zum essen schißen, nun lag da diese Tote Wölfin vor ihm. Er mochte Wölfe, sie gaben ihm das Gefühl von Erhabenheit und gleichzeitig die Wärme eines Treuen Freundes. Oft hat er, damals als er und sein Bruder noch mit ihren Eltern im Ehernwald gewohnt hatten, mit seinem Bruder auf ihrem geheimen Felsen gesessen, und das Wolfsrudel des Waldes beobachtet.
Kain konnte damals noch sehen, vor diesem schrecklichen Unfall, und vor dem Ausbruch der Seuche, die alles veränderte. Das Rudel hatte keine im Angst vor den beiden Jungen, im Sommer gingen sie beinahe täglich hinaus um die Wölfe zu beobachten.Nun stand er hier vor dem edelsten Geschöpf das er sich vorstellen konnte, und er selbst hatte es getötet.
Reiß dich zusammen sagte er zu sich selbst, du brauchst etwas zu essen, und hier liegt es vor dir, die romantischen Tage sind vorbei.
Er entspannte seinen Bogen, und band ihn sich auf den Rücken. Dann beugte er sich herab, um den Toten Wolfskörper hochzuheben, da bemerkte er ein rascheln im Augenwinkel. Neben der Wölfin sah er einen, aus Ästen und Zweigen errichteten, Bau. Als er genauer hinsah stockte ihm der Atem. 4 kleine Wolfsjunge krochen aus dem Bau und blickten Angstvoll in seine Augen. Schnell wendete er den Blick ab, und er rannte, den Toten Leib der Wolfsmutter im Arm, Richtung Lager.
Als er im Lager ankam musste er einen erneuten Schicksalsschlag hinnehmen. Das Bündel war aufgerissen, und seine Ware verschwunden.
Diese Ware, 1 Bretorianische Mutter und ihre 2 Kinder, hätten ihm soviel Geld auf dem Markt gebracht, das sie die nächsten Jahre sorgenfrei hätten Leben können.
Er lies die Wölfin fallen, und rannte zurück in den Wald, den spuren der Flüchtlinge nach. Er musste nicht weit gehen, da sah er sie, sie hockten um Gebüsch und versteckten sich vor ihm. Moment, sie versteckten sich nicht, sie saßen dort auf dem Waldboden, und hoben etwas auf. Jetzt erkannte er die Stelle, an der die Flüchtlinge saßen, es war die Stelle, dan der er die Wöfin getötet hatte. Sie saßen dort, die dummen einfältigen Bretorianer, kein Wunder, das sie als Sklaven verkauft werden, sie sind sogar zu dumm zu fliehen…zu Dumm? Mach dir nichts vor dachte er bei sich. Sie sind nicht zu dumm, sie sind zu….Menschlich. Dort saßen sie auf dem Kalten Waldboden, sich vollkommen darüber bewußt, das sie verfolgt würden, und einem elenden Schicksal als Sklaven in Geronien entgegensahen. Und das alles riskierten sie für diese 4 kleinen Wolfsjunge. Er drehte sich um und ging mit gesenktem Kopf Richtung Stadt. Sein Pferd band er vom Baum, und gab ihm einen klaps auf das es vortlief.
Die ganze Nacht lief er durch, mit gesenktem Kopf bis in die Stadt. Die schmutzigen Hütten derer die sich ein müßigeres Leben als das eines einfachen Bauern in einem kleinen Dorf erhofft hatte, säumten die matschigen Straßen. Als er an seine Hütte kam, die schon in einem etwas besseren der vielen Armenviertel stand, erreichte, klopfte er müde an die Tür. „Wer ist da!“ rief Kain von innen. „Ich bin es“ rief er zurück.
Lurz darauf öffnete sich die Tür, und ein Mann mit verbrantem Gesicht und leeren Augen stand im Rahmen. „Komm Bruder, nimm deinen Stock. Wir gehen“. Damit drückte er Kain seinen Stock in die Hand, und führte ihn hinaus auf die Straße, dann hinaus aus der Stadt und hinein in den Wald. Er erzählte ihm nichts von dem Vorfall in der Nacht, doch er baute mit den eigenen Händen eine Hütte genau an der Stelle an der er die Wölfin getötet hatte. Dort ließ er sich mit seinem Bruder nieder, und bestellte ein kleines Feld in der Nähe. Es reichte zum Leben, nicht für mehr, aber das war mehr als die schmutzige Stadt ihnen geben konnte. Eines Abends, er arbeitete noch bis Sonnenuntergang auf dem Feld, sah er sich unvermittelt einem Großen Weißen Wolf gegenüberstehen. Der Wolf blickte ihm Tief in die Augen, und er erwiederte den Blick voller Furcht. Doch dann begriff er, er hatte ihm verziehen. Tränen liefen ihm über die Wangen während der Große Weiße sich umdrehte und den Heulenden Silhouetten dreier Wölfe auf dem nahgelegenen Hügel entgegentrottete.